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Kurze Geschichte der Stadt Písek

Neuzeitliche Wandlung der Stadt Písek

Písek und der habsburgischen Monarchie

Nachdem sich die Hussitenkriege gelegt hatten, erfuhr die Stadt zum zweiten Mal in ihrer Geschichte Gedeih und Blüte. Die Einnahmen der Stadtkasse waren so hoch, dass Písek zu Beginn der 16. Jahrhunderts zu einer der reichsten Städte Böhmens wurde. 1509 konnte sie sogar die nicht genutzte königliche Burg sowie die gesamte königliche Herrschaft erwerben. Zu letzterem gehörte auch das Gebirge Písecké hory. Dank dessen fand sich im Eigentum der Stadt das größte Waldgebiet wieder, das zu jener Zeit überhaupt eine Stadt Böhmens ihr Eigentum nennen konnte. Die Blütezeit wurde 1532 jäh von einem großen, verschiedensten Berichten zufolge absichtlich gelegten Stadtbrand unterbrochen, der einen Großteil der Stadt Písek zerstörte. Zu einem weiteren verhängnisvollen Ereignis gestaltete sich die Teilnahme der Stadt am erfolglosen Aufstand gegen Kaiser Ferdinand I. (1546-1547). Als Folge wurde in Písek (ebenso wie in den übrigen Königsstädten) das Amt des königlichen Vogts eingeführt, der die Interessen des Herrschers wahren und die Entscheidungen des Stadtrats beaufsichtigen sollte. Damit verlor Písek de facto die Möglichkeit der freien Entscheidung über seine ureigensten Angelegenheiten.

Ab dem Beginn des 17. Jahrhunderts ereilte Písek und dessen Einwohner ein Schicksalsschlag nach dem anderen. 1618 schlugen sich die Bürger von Písek nach dem sog. zweiten Prager Fenstersturz und dem Ausbruch des Ständeaufstandes auf die Seite der böhmischen Herren. Dafür ereilte sie jedoch alsbald eine grausame Strafe. Bereits im Folgejahr wurde Písek von kaiserlichen Truppen niedergebrannt. Bis 1620 wurde die Stadt dann noch dreimal von den Habsburgern erobert und geplündert. Der letzte Streifzug der kaiserlichen Truppen hatte für die Stadt beinahe fatale Folgen, da fast die Mehrzahl der Bevölkerung hingemordet und fast alle Häuser in Brand gesteckt wurden. 1623 wurde der kaiserliche General Martin de Huerta, bekannt für seine Grausamkeit gegenüber Untertanen, Pfandeigentümer von Stadt und Herrschaft. Er hatte die Aufgabe, die Bürger von Písek zum katholischen Glauben zu bekehren und zwar „mit Hilfe aller Mittel“. Die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts gehörte zweifelsfrei zur finstersten Zeit in der Geschichte der Stadt.

Der Beginn des folgenden 18. Jahrhunderts stand im Zeichen einer Pestepidemie, die die gesamte Umgebung der Stadt heimsuchte, die Stadt selbst jedoch wie durch ein Wunder verschonte. Als Ausdruck des Danks für die Bewahrung Píseks vor der Ansteckung entstand 1715 auf dem damaligen Kleinen Marktplatz (Malé náměstí) eine Marienstatuengruppe. 1742 wurde die Stadt erneut von Beschuss und Plünderung bedroht: Eine kriegerische Auseinandersetzung zwischen österreichischen Truppen und der französischen Besatzung, die sich Písek zu ihrem Stützpunkt gewählt hatte, bahnte sich an. Die Schlacht fand dann glücklicherweise doch nicht statt, der Stadt blieb ein weiterer Schicksalsschlag erspart.

Zum Ende des 18. und im 19. Jahrhundert erfahren die Stadt und insbesondere das Stadtleben eine grundlegende Veränderung. Im Geiste der nationalen Wiedergeburt werden eine Reihe kultureller Vereine und Institutionen gegründet (1868 der Sportverein Sokol, 1884 das Museum), es entstehen viele neue Schulen: das Gymnasium (1778), die tschechische Realschule (1860), die erste tschechische höhere Mädchenschule (1860), die Landwirtschaftsschule (1870), die Revierschule (1884) und die Forstschule (1889). Damals begann man, Písek das „südböhmische Athen“ zu nennen.

František Křižík (1847-1941), Foto: Městský úřad PísekIn der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts traf auch in dem sonst so ruhigen Písek die Industrielle Revolution ein. Zu den bedeutendsten neu gegründeten Unternehmen gehörten eine Papierfabrik, eine Fabrik für Tabakerzeugnisse sowie eine Textilfabrik zur Herstellung farbiger Strumpfhosen und Fese. Ein wichtiger Moment und Impuls für die Entwicklung unternehmerischer Tätigkeit in der Stadt war 1875 die Eisenbahnverbindung zwischen Písek und Prag. 1887 konnte Písek eine interessante Vorrangstellung erobern: Dank František Křižík wurde die Stadt zur überhaupt ersten tschechischen Stadt mit einer dauerhaft installierten öffentlichen Beleuchtung.

Písek in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert

Das erste grundlegende Ereignis des 20. Jahrhunderts war im Jahre 1918 die Ausrufung der selbstständigen Tschechoslowakei. In Písek geschah dies bereits am 14. Oktober, also um zwei Wochen früher, als der freie Staat tatsächlich entstand. Auf den definitiven Fall der österreichisch-ungarischen Monarchie mussten auch die Bürger Píseks noch 14 Tage warten (siehe nachfolgend). In der relativ ruhigen Etappe nach Ende des Ersten Weltkriegs kehrte das Leben in Písek zu den Traditionen eines behaglichen, insbesondere studenten- und pensionärsfreundlichen Urlaubsortes zurück.

Die Befreiung Píseks durch die amerikanische Armee am 6. Mai 1946, Foto: www.buddies-pisek.wbs.czLeider nur für kurze zwei Jahrzehnte. Die nationalsozialistische Okkupation kehrte das Leben von Stadt und Menschen, wie anderswo in der Tschechoslowakei auch, vollkommen um, brachte Leid und Angst, nahm vielen das Leben oder ihre Lieben. Die lang erwartete Freiheit und Entspannung kam am 6. Mai 1945 mit der amerikanischen Armee nach Písek.

Am längsten dauerte der Zweite Weltkrieg in Europa in Čimelice, einer Ortschaft mit ca. eintausend Einwohnern 20 km nordöstlich von Písek. Die Ortschaft war noch am 9. Mai 1945 von der aus Prag fliehenden, achtzigtausend Mann zählenden deutschen Armee besetzt, die es ablehnte, sich den Amerikanern zu ergeben. Erst am 12. Mai, einen Tag, nachdem auch die Rote Armee eingetroffen war, unterschrieb der deutsche General Pückler die Kapitulation. Gleich darauf erschoss er sich, sein Adjutant und seine Dolmetscherin taten es ihm gleich.

Písek in den Nachkriegsjahren

Písek - Die Folgen des verheerenden Hochwassers vom August 2002, Foto: Městský úřad PísekDie Nachkriegszeit stand in Písek insbesondere im Zeichen der Entwicklung der Randgebiete der Stadt – es werden neue Siedlungen und Fabriken errichtet. Glücklicherweise gehörten auch die größten Industriebetriebe unter ihnen, die Textilfabrik Jitex und die Fabrik für Bearbeitungsmaschinen Kovosvit, nicht zur Schwerindustrie, sodass Písek auch weiterhin eine Oase der Ruhe an den Ufern der (einst) goldträchtigen Otava bleiben konnte. 2002 wurde diese Ruhe kurz von einer verheerenden Überschwemmungskatastrophe unterbrochen, die Písek beinahe seine wertvollste Sehenswürdigkeit gekostet hätte, die Steinerne Brücke. Das große Werk unserer Vorfahren hielt den Naturgewalten jedoch stand. Ebenso wie Písek trotzte sie in ihrer bewegten, jedoch reichen und ruhmvollen Geschichte allen Schicksalsschlägen.